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Interpersonale Kommunikation

B - Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation

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Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation (1981)


I Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation als Grundannahme über die Natur

Niklas Luhmann fordert eine umfassende theoretische Betrachtung des Kommunikationsproblems, die auf der Annahme von Unwahrscheinlichkeit als Grundeigenschaft der Natur beruht. Das Überwinden dieser Unwahrscheinlichkeit ist für die Bildung von Ordnung existenziell und nicht selbstverständlich.

Anders als bei der partiellen Betrachtung von Kommunikationsfaktoren, gewinnt man mit dieser Theorie eine andere Beurteilung für Erreichtes und zu Verbesserndes.

Kommunikation als Voraussetzung menschlicher Beziehungen fordert das Transformieren von Unwahrscheinlichkeit in Wahrscheinlichkeit.

-->Rekombination von Ordnung ist unwahrscheinlich. Wenn es unwahrscheinlich ist Ordnung herzustellen, indem man Kommunikation, Basis für jegliche Ordnung, unwahrscheinlich setzt, so ist beim Auflösen einer Ordnung unwahrscheinlich sie wieder zusammenfügen zu können.

II Die drei Unwahrscheinlichkeiten der Kommunikation

Kommunikation als Phänomen ist für uns selbstverständlich und muss daher eher als Problem gefasst werden. Luhmann will Kommunikation nicht beschreiben, sondern die Rahmenbedingungen, Hindernisse dafür aufzeigen.

Wie ist Kommunikation möglich?

Die drei Unwahrscheinlichkeiten der Kommunikation müssen überwunden werden, damit sie zustande kommen kann:

1. Verstehen

Es ist unwahrscheinlich, dass Alter versteht, was Ego meint. Alters Bewusstsein, Gedächtnis bildet einen kontextgebunden Rahmen für das Verständnis.

2. Erreichen

Es ist unwahrscheinlich, dass Kommunikation den Kreis der unmittelbar Anwesenden überschreitet. Bei räumlicher und zeitlicher Extension des Interaktionssystems kann Aufmerksamkeit nicht garantiert werden, auch wenn ein beweglicher und zeitbeständiger Träger vorhanden ist.

3. Erfolg

Es ist unwahrscheinlich, dass Alter das, was Ego kommuniziert, annimmt. Der selektive Inhalt (Information) wird bei einem kommunikativen Erfolg als Prämisse des eigenen Handelns übernommen.

Schwellen der Entmutigung führen zum Unterlassen von Kommunikation.

Die Unwahrscheinlichkeit einer aussichtsreichen Kommunikation in allen drei Dimensionen ist nicht nur ein Hindernis für Verständigung sondern kann Alter auch entmutigen sich mitteilen zu wollen, wenn er die Kommunikation für aussichtslos erachtet.

Kommunikation bildet die operative Einheit in sozialen Systemen.

Deshalb können nur soziale Systeme aufgebaut werden, bei denen die Unwahrscheinlichkeit überwunden werden kann. Die Art, wie Unwahrscheinlichkeiten transformiert werden, regeln den Aufbau sozialer Systeme

Das Transformieren von einer der Unwahrscheinlichkeiten in Wahrscheinlichkeit verstärkt die anderen Unwahrscheinlichkeiten:

Wenn Unwahrscheinlichkeit der Verbreitung technisch überwunden werden kann, steigert sie die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs. Verbreitung der Mitteilung über den Kreis der Anwesenden hinaus erschwert das Verstehen und macht Annehmen unwahrscheinlicher. Problemlösungen belasten sich wechselseitig und lösen daher immer neue Folgeprobleme aus. --> Es gibt keinen Weg zu immer besserer menschlicher Kommunikation. Luhmann betrachtet das als eines der grundlegenden Strukturprobleme moderner Gesellschaften

III Funktionaler Begriff der Medien

Der Begriff (Massen-)medien umfasst alle Einrichtungen, die unwahrscheinliche Kommunikation in wahrscheinliche umformen.

Arten von Medien:

1. Sprache

Symbolische Generalisierungen ersetzten Wahrnehmungen1 um übereinstimmendes Verstehen herbeizuführen. Gemeinsame Sprache erweckt den Eindruck einer gemeinsamen Verständnisbasis.

2. Verbreitungsmedien

Verbreitungsmedien überschreiten die Grenzen des Systems von Anwesenden. Dafür werden Informationen fixiert (z.B. durch Schrift). Die Zugänglichkeit der Verbreitungsmedien erweitert das Gedächtnis der Kultur. Ihre Selektivität entscheidet über die Einschränkung der anschließenden Kommunikation.

3. symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

--> Geld, Staatsraison, Recht, Werte, wissenschaftliche Wahrheit, Liebe Diese unterschiedlichen Medien wirken in den wichtigsten gesellschaftlichen Bereichen entsprechend ihrer selektiven Aspekte auf den Evolutionsprozess ein und fördern die Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Ihre Spezialisierung auf verschiedene Arten von Unwahrscheinlichkeiten führen zur Bildung von Funktionssystemen, in denen sie die Annahmewahrscheinlichkeit der Kommunikation erhöhen. Sie entstehen erst, wenn Verbreitungstechnik die Grenzen der Interaktion unter Anwesenden überschreitet und eine unbeschränkte Zahl Nichtanwesender erreichen kann (Schrift als Grundvoraussetzung). Außerdem müssen symbolisch selektive Kommunikationsmedien abstrakte und zugleich spezifische Eigenschaften aufweisen um in einer Vielzahl von noch nicht bekannten Situationen wirken zu können.

Ordnung entsteht durch das Ermöglichen unwahrscheinlicher Kommunikation und deren Normalisierung in sozialen Systemen. Verbreitungstechnik führt zu verstärkten Erfolgsproblemen der Kommunikation und stellt Kultur damit vor neue Herausforderungen. Größere Differenzierung beschleunigt den Veränderungsprozess, wodurch immer neu gebildete Unwahrscheinlichkeiten immer schneller überwunden werden müssen.

IV Auswirkungen von Massenmedien auf gesellschaftliche Strukturen

1. Handlung ist nur kontextgebunden im entsprechenden Teilsystem relevant.

Um die gesellschaftlichen Folgen der Auswirkungen der Massenmedien auf das individuelle Verhalten adäquat erfassen zu können, muss das Handeln des Individuums im Kontext des gesellschaftlichen Teilsystems2, innerhalb dessen es erfolgt, betrachtet werden. Denn Handlung kann nur eine über die jeweilige Situation hinausgehende Relevanz entwickeln, wenn sie dem Kontext eines der Teilsysteme zugeordnet wird.

2. Daher muss man Verbreitungsmedien und Funktionssysteme betrachten, sowie deren Rückkopplungen. Zum einen müssen dazu die Veränderungen der Verbreitungsmöglichkeiten und deren unterschiedliche Auswirkung auf die verschiedenen Funktionssysteme betrachtet werden, zum anderen die Wirkungen, die die beiden Bereiche aufeinander haben.

1) Systematisierung bedeutet die Umwandlung von Unwahrscheinlichkeiten in Wahrscheinlichkeiten und damit die Erhöhung von Kommunikationschancen. Aus dieser Logik heraus ergibt sich durch die funktionale Aufgliederung eine Notwenigkeit für ein Kommunikationsmedium innerhalb des Teilsystems.3 Aber nicht unbedingt werden in jedem Teilsystem Erfolgschancen gleichermaßen gefördert und es bildet sich nicht immer ein universelles, effizientes Medium heraus, das Unwahrscheinliches in das routinemäßig Erwartbare umwandelt. In einigen Bereichen treten bereits innerhalb einfacher Interaktionssysteme schon entmutigende Schwellen auf.4

2) Rückwirkungen eines Fortschritts im Bereich Verbreitungstechnik können, wie zum Beispiel beim Buchdruck, eine Verschiebung der gesamten gesellschaftlichen Struktur bedeuten und damit neue Ausgangspunkte für Operationen der Funktionsbereiche bilden. Selektion aus der erweiterten Semantik wird dadurch aber auch erschwert. Voraussetzungen für Operationen können von Massenmedien beeinflusst werden und daher müssen auf jedem neuen Entwicklungsniveau institutionelle Lösungen neu einbalanciert werden. Ob dabei eine zufriedenstellende Lösung möglich ist, stellt Luhmann in Frage.

3) Prämissen, mit denen Massenmedien in die Kommunikationsinteraktion treten, können auf die Konsumenten übertragen werden.5 Sie haben weiterhin einen Stimulationseffekt, da man, wenn man an Kommunikation teilnehmen will, zur Erhöhung der Chancen für eigene Kommunikation die Semantik der für die Öffentlichkeit festgesetzten Themen kennen muss.


________________________________________ 1 siehe zu Unterschied Kommunikation Wahrnehmung „Was ist Kommunikation“, Abschnitt II 2 Teilsysteme sind etwa Familie, Politik, Wirtschaft, Recht, Gesundheitssystem, Erziehung etc. 3 Zunehmenden Leistungsansprüchen kann ein System nur genügen, wenn Kommunikationsprozesse standardisiert ablaufen und Unwahrscheinlichkeit in Wahrscheinlichkeit ohne großen Aufwand umgewandelt werden kann. 4 Als Beispiel führt Luhmann hier das Erziehungssystem an, in dem Veränderungen von Personen angestrebt wird. Das kann nur durch Kommunikation unter Anwesenden erfolgen, obwohl der gesamte Prozess kommunikationsbasiert ist. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedia gibt es nicht. 5 Welche Nachrichten sind sendewürdig? Sind sie zwangsläufig neu oder fester Bestandteil (Sport, Unfälle)

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