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Was ist Kommunikation? (1998)

I. Nur Kommunikation kann kommunizieren - Einleitung Bearbeiten

Psychische bzw. soziale Systeme sind hochkomplex und ihre Dynamik für den Beobachter intransparent. Für Soziologien sind Kommunikation und Handlung subjektbezogen, sie sind auf ein Individuum zurückzuführen. Luhmann abstrahiert das Netzwerk Kommunikation vom Subjekt und entwickelt durch seine Kernthese, dass nur die Kommunikation kommunizieren kann, eine vollkommen neue Betrachtungsweise. Die moderne Gesellschaft hat viele Teilsysteme, denen unterschiedliche Selbstreferenzen zugrunde liegen. Diese differenzierte Ausgestaltung hat zur Folge, dass sich unterschiedliche Weltbeobachtungsperspektiven in den jeweiligen Subsystemen herausbilden. Theoretische Ansätze sind vor die Herausforderung gestellt Selbstreferenzen aus der Metaebene zu betrachten, als Beobachter von Beobachtungen (second order cybernetics im Sinne Heinz von Foersters). Während Luhmann in den 80ern noch Handlung als zentrales Reproduktionsmoment betrachtet1, rückt er die Bedeutung von Handlungen hier zu Gunsten von Kommunikation ein. Da aber Kommunikation nicht direkt beobachtet, sondern nur erschlossen werden kann, wird sie durch Handlung sichtbar und bekommt eine räumlich-zeitliche Dimension. Kommunikation ist einerseits eine soziale Operation (sie impliziert Interaktion) und andererseits fordern soziale Systeme Kommunikation (soziale Situationen setzten Kommunikation in Gang). Soziale Systeme reproduzieren sich also auf ihrer Basis. In seiner Begriffsdefinition isoliert Luhmann Kommunikation vom Bezug auf Bewusstsein oder Leben. Letztlich wäre Kommunikation ohne Bewusstsein, Leben, aber auch physikalischen Faktoren etc. nicht möglich. In einem Modell muss aber immer abstrahiert werden. Hier geht es darum den Sachverhalt unabhängig von Akteuren und Individuen zu betrachten.


II. Kommunikation kommt zustande durch die Synthese von drei verschiedenen Selektionen: Information, Mitteilung, Verstehen. Bearbeiten

Die Information kann insofern als Selektion verstanden werden, als dass sie zwischen dem unterscheidet, was gesagt wurde und dem, was dadurch ausgeschlossen bleibt. Die Information, dass es regnet schließt z.B. aus, dass die Sonne scheint.

Die Mitteilung ist eine Selektion dessen, welche Informationen aus dem individuellen Informationsschatz weitergeleitet werden.

Das Verstehen selektiert eine bestimme Differenz, den Unterschied zwischen Information und Mitteilung. Die Bibliothekarin versteht, dass Alter das Buch fallen gelassen hat, um sie zu ärgern, nicht weil sie ihn erschrocken hat. Missverstehen ist in diesem Sinne auch Verstehen. Ist der Unterschied zwischen dem Informationsgehalt und den Gründen Alters die Information mitzuteilen erkennbar, werden die drei Selektionen zur Kongruenz gebracht und Kommunikation kann zustande kommen.

Abgrenzung von Wahrnehmung zu Kommunikation

Wenn keine Trennung zwischen Information und Mitteilung vollzogen wird, wenn die Differenz nicht bewusst ist, dann kann man nur von Wahrnehmung und nicht von Kommunikation sprechen. Kommunikation gibt zwar die Möglichkeit für mitlaufende Wahrnehmung, diese ist aber ein rein psychisches Ereignis. Diese ist nicht Teil des Kommunikationssystems und findet darin keinen Anschluss, weil das Bewusstsein anderer abgeschlossen und nicht einsehbar ist. Über Wahrnehmungen kann kommuniziert werden, indem Situationsdeutungen ausgetauscht werden.

Kommunikationsprobleme

Kommunikation über Verstehen, Missverstehen oder Nicht-Verstehen auf einer Metaebene ist nur im Rahmen der Eigengesetzlichkeiten des Kommunikationssystems möglich. Rückfragen und Erläuterungen sind hier die normale Technik ohne zu psychische Aufladung zu führen. Die Mitteilung „du verstehst mich nicht“ dagegen ist der Versuch Kommunikationsprobleme durch Kommunikation zu lösen. Man kommuniziert darüber, dass Kommunikation fehlgeschlagen ist und unter dem Umstand des Nicht-Verstehens nicht weiterlaufen kann, und setzt damit die Kommunikation fort (paradoxe Kommunikation).

III Die Emergenz der Kommunikation Bearbeiten

„Kommunikation ist eine emergente Realität, ein Sachverhalt sui generis2.“

Entgegen dem handlungstheoretischen Ansatz sieht Luhmann die Kommunikation nicht als Übertragungsprozess von Wissen durch Alter an Ego. Er fasst die Kommunikation innerhalb des sozialen Systems und betrachtet somit ihre Emergenz. Durch das Bilden eines Gedächtnisses baut die Kommunikation Redundanzen auf, die verschiedenartigen Zugriff auf Informationen erlauben. Da jeder Zugriff ein Selektionsakt ist, pulsiert das System zwischen der Erzeugung von Überschuss und Selektion.

Durch die Verschriftlichung, den Buchdruck hat die Gesellschaft im Bereich des Kommunikationssystems einen enormen Komplexitätsschub bekommen.

Information, Mitteilung und Verstehen können nur innerhalb von Kommunikation existieren. Sie stehen in einem zirkulären Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit.

Kommunikationssystem als autopoietisches System3

Das Kommunikationssystem ist operativ vollkommen geschlossen. Es kann kein Austausch mit der Umwelt vollzogen werden. Die Elemente und Strukturen werden nur durch Kommunikation selbst produziert und reproduziert. Nur Kommunikation kann Kommunikation beeinflussen, kontrollieren oder reparieren.


IV Reproduktion des Kommunikationssystems und Grundannahmen seines Fortbestehens Bearbeiten

Kommunikation hat keinen Zweck, nur zweckorientierte Episoden. Habermas These, Zweck von Kommunikation sei Konsens, dementiert Luhmann als empirisch falsch. Auch Dissenssuche ist ein rationaler Kommunikationsgrund, wie auch Konsenssuche. Letztlich ist entscheidend, ob verstandene Informationen angenommen der abgelehnt werden. Das Risiko der Ablehnung begünstigt zwei Strategien: das Meiden von Kommunikation mit Ablehnungswahrscheinlichkeit und Aufbau von Institutionen zum Überwinden der Unwahrscheinlichkeit (symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien).

Kommunikation zwingt zu Selektion, zu einer Entscheidung. In dieser Birifucation liegt die Autopoiesis des Kommunikationssystems. Das bedeutet, damit garantiert das System seine eigene Fortsetzbarkeit. Die einzige Ausnahme bildet hierbei die Welt. Innerhalb dieser spielen sich jegliche Prozesse ab; sie kann nicht abgelehnt werden, da sie Bedingung für jegliche Kommunikation – eben auch Ablehnung an sich – ist.


V Problem der Wertbeziehung von Kommunikation Bearbeiten

Die Stabilität von Werten beruht auf dem Unterstellen und Erproben der Semantik. Werte erhalten ihre Geltung durch Unterstellung. Wer gegen sie argumentieren möchte, muss ein hohes Maß an Komplexität und Argumentationslast übernehmen. Werte sollen eine gemeinsame Basis der in der Gesellschaft produzierten Kommunikation liefern. Man unterstellt, dass Werte geteilt werden und in den Kommunikationsprozess impliziert werden. Werte sind in der Gesellschaft zu einem hohen Maße institutionalisiert. Wer also Einwände oder Zweifel hat, trägt die Argumentationslast. Wertedebatten implizieren aber wiederum neue Werte und führen zu einem endlosen Unterfangen. Um sich dem nicht auszusetzten kommuniziert man über Interessen und Präferenzen.


VI Interdependenzen von psychischen und sozialen Systemen Bearbeiten

Psychische und soziale Systeme stellen in sich geschlossene, autopoietische Systeme dar,die füreinander intransparent aber trotzdem interdependent sind. Luhmanns Ansatz betont die Differenz von psychischen und sozialen Systemen. Während die psychischen auf dem Bewusstsein des Menschen basieren, bildet Kommunikation die Grundlage sozialer Systeme. Beiden ist jedoch gemein, dass sie in sich geschlossene, autopoietische Systeme darstellen. Dies heißt jedoch nicht, dass sie unabhängig voneinander koexistieren. Ohne psychische Systeme gäbe es auch keine sozialen Systeme. Allerdings sind beide Systeme füreinander intransparent. Wäre dem nicht so, bestünde die Notwendigkeit der Kommunikation erst gar nicht, da sich das den sozialen Systemen eigentlich verschlossene Bewusstsein der psychischen Systeme öffnen würde. Um kommunizieren zu können, müssen die Bewusstseinsstrukturen der Individuen zwar nicht bekannt sein; allerdings muss eine gewisse Verständnisbasis gegeben sein, um der Kommunikation eine Anschlussmöglichkeit zu gewähren.




1 Luhmann betrachtet die Gesellschaft als ein aneinander anschließen von sinnhaft verknüpften Handlungen

2 passt nicht in eine übliche Kategorisierung und bildet damit eine eigene Gattung

3 Autopoiesis ist ein Begriff, der zunächst vom Biologen Humberto Maturana geprägt wurde. Luhmann erweiterte und übertrug ihn von biologischen Systemen auch auf psychische und soziale Systeme (vgl. dazu Baraldi et al, 1998: 29 -33).