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Protokoll zur Veranstaltung: "Rituale, Beziehungszeichen und Rahmen: Interaktionsforschung II"



  • Seminar: Interpersonale Kommunikation, Fall Term 2008
  • Dozent: Frau Prof. Dr. Gertraud Koch


  • Protokollanten: Caroline Brinkis, Julian Gajo
  • Datum: 06. Oktober 2008, 14.00 - 15.30 Uhr
  • Ort: Zeppelin University, FB 104



Rückblick Bearbeiten

In der letzten Sitzung hat sich die Gruppe mit der strategischen und verständigungs-orientierten Kommunikation auseinandergesetzt. In der heutigen Sitzung erweitern wir das Thema Interpersonale Kommunikation um den Aufbau von Kommunikation und Interaktion. Hierbei richten wir besonderes Augenmerk auf Rituale und Rahmenbedingungen.


Aufbau der Veranstaltung Bearbeiten

Zu Beginn der Veranstaltung wird der weitere Verlauf der Sitzung geklärt. So wird im ersten Teil die Gruppe um Christina Werner, Nora Wohlfeil und Kilian Vieth ihr Thesenpapier vorstellen, da der letzte Sitzungstermin ausgefallen ist. Grundlage für das erste Thesenpapier ist das zehnte Kapitel von Goffman – „Social Life as Ritual“ – aus dem Buch „The Nature of Social Life“. Danach präsentiert die Gruppe um Sebastian Sielmann, Maren Schütte und Sarah Schluszas ihre Thesen zu dem dreizehnten Kapitel von Goffman, welches den Titel „Frame Analysis of Talk“ trägt. Dieses Protokoll beschäftigt sich mit dem zweiten Thesenpapier und der anschließenden Diskussion.


Vorstellung der Thesenpapiere von Werner, Wohlfeil, Vieth Bearbeiten

Kapitel zehn „Social Life as Ritual” aus Goffmans Buch „The Nature of Social Life“ beschreibt, wie soziale Rituale interpersonale Kommunikation fördern, aber auch behindern.


Vorstellung der Thesenpapiere von Sielmann, Schütte, Schluszas Bearbeiten

Das dreizehnte Kapitel von Edvin Goffmans Buch „The Nature of Social Life“ ist Thema der Veranstaltung. Hierzu werden zunächst die zentralen Thesen von der Gruppe um Sebastian Sielmann, Maren Schütte und Sarah Schluszas vorgestellt, um im Anschluss an die Präsentation eine Diskussionsrunde zu beginnen.

Zu Beginn wird Goffman selbst kurz beschrieben. Er gilt als Geschichtenerzähler, der in seinen Texten oftmals Beispiele anführt, um seine Gedanken möglichst realistisch an seine Leser zu vermitteln. Die Gruppe nennt fünf wesentliche Thesen, die sie abwechselnd vorstellen.

Die erste These besagt, dass man in einer Unterhaltung gewissen Annahmen über den Gegenüber trifft. So werden spezielle Grundverständnisse vorausgesetzt, die man im Verlauf des Gespräches als gegeben ansieht, sodass nicht das Bedürfnis besteht, Begrifflichkeiten zu erklären. Als ein Beispiel wird das Wort „Rathaus“ genommen, das in anderen Kulturen eventuell erklärt werden muss, nicht jedoch in der eigenen, bekannten Gesellschaft.

Eine weitere These hält fest, dass man das Gemeinte erst aus dem Gesagten mit einer systematischen Methode herausarbeiten muss. Goffman spricht von sogenannten „performative utterances“ (dt: ausführende Äußerungen). Diese Aussagen führen das Gegenüber dazu, zu reagieren, wie beispielsweise auf einen Befehl. Diese Reaktion ist gewollt, jedoch gelingt es dem Sprecher unter gewissen Umständen nicht, sein Gegenüber zu einer Reaktion zu bringen. Dies liegt daran, dass es zwei unterschiedliche Sprachakte gibt. Die „Infelicitous Conditions“ (dt: unangebrachte Bedingungen) führen zu Aussagen, die von dem Gegenüber nicht verstanden werden. Im Gegensatz dazu werden bei den „Felicity Conditions“ (dt: Gelingensbedingungen) die Aussagen richtig verstanden und die gewollte Reaktion tritt ein. In diesem Zusammenhang zählt die Gruppe vier Maxime auf, die nach Paul Grice für eine Wechselbeziehung entscheidend sind: Qualität, Quantität, Relation und Manieren. Zum einen ist es wichtig, nur die Wahrheit zu sagen bzw. nur die Tatsachen, an die man auch selbst glaubt. Des Weiteren sollen nur die relevanten Informationen weitergegeben werden, ausschließlich das Essentielle des Gedankens. Zusätzlich soll das Gesagte in die Situation passen, damit man nicht Gefahr läuft, missverstanden zu werden. Manieren spielen nach Grice auch eine wichtige Rolle. Wenn diese Maxime nicht erfüllt werden, kann es dazu kommen, dass das Gegenüber eine Abneigung zum Sprecher entwickelt und somit eine gelungene Wechselwirkung nicht mehr erreicht werden kann.

Die dritte These der Gruppe wirft einen Blick auf die verschiedenen Arten, wie Kommunikation beginnen kann. In gewissen Situationen ist es möglich, Äußerungen von sich zu geben, ohne zuvor einen Rahmen gestaltet zu haben, der es einem ermöglicht, sich zu äußern. Goffman gibt verschiedene Beispiele an: Die Begrüßung eines Unbekannten im Fahrstuhl, Bemerkungen zu dramatischen Ereignissen, Entschuldigungen bei Zusammenstößen in der Öffentlichkeit oder auch den alltäglichen Austausch von Geld gegen Gegenstände wie das Kaufen von Eintrittskarten im Kino. Das Ersuchen von öffentlichen Gütern wie Informationen über einen Ort beginnt man häufig mit einem indirekten Aufbau eines Gespräches, wie zum Beispiel „Entschuldigung,…“.

Um unterschiedlichen Kommunikationspartnern gerecht zu werden, muss man auf verschiedenen Arten die Kommunikation beginnen, um so letztendlich das Ziel, verstanden zu werden, zu erreichen. Dies ändert sich auch nicht, wenn die Ausgangssituation dieselbe ist. Diese Idee findet sich in der vierten These wieder. Um die These zu erklären, greifen sowohl Goffman als auch die Thesengruppe die Situation auf, dass Person A am vorherigen Abend Person B im Kino gesehen hat, sie jetzt zufällig auf der Straße trifft und nun gerne wissen würde, wie Person B den Film fand. In dem ersten Fall ist Person B ein Fremder. Hier muss der Sprecher erst eine Basis aufbauen, um seine Frage, wie sein Gegenüber den Film fand, stellen zu können, ohne verwirrt zu wirken oder missverstanden zu werden. In einem anderen Fall ist Person B ein Bekannter, den der Sprecher zwar im Kino erkannt, jedoch nicht angesprochen hat. Der Sprecher muss weniger aufbauen, um seine Frage stellen zu können, da bereits eine gewisse Basis zwischen beiden Personen besteht. Im letzten Fall ist Person B ein enger Freund, mit dem Person A zusammen im Kino war, jedoch die Frage nach der Beurteilung des Films noch nicht gestellt wurde. Diese Frage kann hier sofort gestellt werden, da die Situation für beide klar ersichtlich ist. Aus den Ergebnissen der verschiedenen Situationen kann man schließen, dass das Verhältnis von Personen zueinander im Zusammenhang dazu steht, wie man ein Gespräch aufbaut. Es gilt: Je enger die Beziehung zueinander ist, desto weniger muss aufgebaut werden.

Die fünfte These besagt, dass Selbstgespräche, Flüche aber auch kurze Aufschreie in der Öffentlichkeit geäußert werden können, obwohl sie für den Außenstehenden meist seltsam erscheinen. Diese Impulse können in vier Gruppen aufgeteilt werden. Die erste Gruppe beschreibt einen „Transition Display“ (dt: Übergangsanzeige), welcher bestimmte Gefühlslagen widerspiegelt, die von natürlichen Ereignissen wie Hitze oder Kälte ausgelöst wurde. Als Beispiel eines Ausdrucks kann man „Brrr“ nennen. In der zweiten Gruppe findet man den „Spill Cry“ (dt: Sturzausdruck). Dieser Ausdruck wird bei Fehlern oder Versehen ausgesprochen. Als eine Funktion dieses Ausdrucks wäre ein Überspielen der Situation denkbar. Der „Threat Startle“ (dt: Ansprechschrei) aus der dritten Gruppe ist laut Goffman vor allem bei Frauen vertreten. Bei Angst oder Überraschung wird beispielsweise ein „Huch“ geäußert. Auch die Ausdrücke der letzten Gruppe, die „Revulsion Sounds“ (dt: Abneigungstöne) umfassen, werden laut Text oft von Frauen verwendet. Auslöser der Töne ist Ekel, welches mit einem „Igitt“ kommentiert wird.


Diskussion Bearbeiten

Nach der Vorstellung der Thesen wird eine Diskussion eingeleitet. Diese basiert auf der Grundlage des zehnten Kapitels von Goffmans Buch „The Nature of Social Life“. Der erste Diskussionsansatz beschäftigt sich mit der Frage, wo Rituale aufhören. Die Thesenpapier-Gruppe um Christina Werner, Nora Wohlfeil und Kilian Vieth bezieht diese Frage auf das bekannte TV-Format „Mein Neuer Freund“. Eine Kandidatin muss Freunden und Verwandten ihren „neuen Freund“ vorstellen. Wenn die Kandidatin es schafft, diese Beziehung glaubhaft zu vermitteln, erhält sie 10.000 Euro als Gewinn. Der Clou des Spiels ist jedoch, dass der Freund von einem Schauspieler gespielt wird, der verschiedene Stereotype darstellt, und die Aufgabe damit schwieriger als vermutet gestaltet. Zunächst wird aus der Diskussion deutlich, dass Rituale dann aufhören, wenn man sich Sorgen um den anderen macht. Das beinhaltet, dass die Beziehung der Personen wichtig für Rituale ist. So würde man auf einer Hochzeit auch einer alten Bekannten nicht direkt sagen, dass der Bräutigam nicht der Richtige ist, sondern eher dazu tendieren, höflich zur Hochzeit zu gratulieren. Dennoch ist festzuhalten, dass der Akt der Hochzeit ein Übergangsritual ist, vom Ledigsein zur Ehe. Hierbei ist eher zu erkennen, dass das Individuum eine soziale Rolle spielt, indem es gratuliert. Ein anderes Beispiel, wann Rituale aufhören, ist, wenn die Grenzen, die von jedem selbst subjektiv gestaltet werden, gebrochen werden und Gesichtsverlust droht. Hier entsteht ein persönlicher Nachteil, wenn man das Ritual akzeptiert. Auch Goffman beschreibt dies in seinem Text. Er sieht die Grenzen der Rituale darin, dass die soziale Ordnung gebrochen ist und man nicht mehr von einem Waffenstillstand sprechen kann. Wenn man in dieser Situation mit dem Ritual aufhört, so tut man dies nur aus einer Art Eigenschutz. Als ein weiter Punkt wird festgestellt, dass Rituale oftmals aus Bequemlichkeit entstehen. Die Frage „Wie geht es dir?“ wird beispielsweise nur aus Höflichkeit gestellt und auch oft nur aus Höflichkeit mit „Gut“ beantwortet. Es stellt eine Entlastung für sich selbst da, so auch die Entschuldigung, nachdem man eine Person zum Stolpern gebracht hat. Mit dieser Entschuldigung wird die Schuld abgegolten, man ist in der Gesellschaft nun wieder frei. Dennoch stellt sich die Frage nach der Aufrichtigkeit der Entschuldigung: Hat sich die Person nur entschuldigt, da sie daraus weniger Konsequenzen fürchten muss?

Als zweiter Ausgangspunkt der Diskussion wird die Rolle der Rituale in der heutigen Zeit in Frage gestellt. Zum einen kann festgestellt werden, dass Rituale auch noch heute eine große Rolle spielen, besonders in der Geschäftswelt. Ein Großteil des Lebens besteht aus Ritualen, die sich im Laufe der Zeit immer weiterentwickelt haben. Es ist zudem auch ein Festhalten an alte Rituale erkennbar. Rituale erinnern stark an alte Wertvorstellungen und soziale Normen, die auf den Menschen eine entlastende Wirkung haben. Es besteht auch die Annahme, dass Rituale einfach bestehen und man sie annimmt, ohne viel darüber nachzudenken. Rituale werden aus Höflichkeit vollzogen, um die soziale Ordnung zu wahren. Auch wenn auf lokaler und regionaler Ebene weniger übergreifende Rituale bestehen, so ist mit der Diskussion deutlich geworden, dass das Ritualthema weiter ausdifferenziert wurde und somit komplexer und undurchschaubar wurde.