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Thesenpapier zu Rituale, Beziehungszeichen und Rahmen: Interaktionsforschung II | Kollmann Tim, Zeppelin University | Fall 08 | Interpersonale Kommunikation | Prof. Dr. Gertraud Koch | 06.10.2008 | E. Goffman 2002, „The Goffmann Reader“, Kap. 13, Frame Analysis of talk, basierend auf E. Goffman: „Felicity’s Condition“, American Journal of Sociology 89 (1), Seiten 1-3, 25-51.


1.) Hinführung

Erving Goffman (1922 – 1982) absolvierte seinen Master in Soziologie an der University of Chicago mit einer Studie über die Kommunikationsstrukturen auf den Shetland Islands, woraufhin er schließlich 1962 eine Professur an der University of California in Berkeley erhielt. Im Jahr 1981 wurde er Präsident der Amerikanischen Soziologischen Gesellschaft und hielt unter Anderem in dieser Funktion eine Rede mit dem bezeichnenden Titel „Die Interaktionsordnung“. Generell beschäftigte sich Goffman mit situativen Handlungssystemen, also mit Momentaufnahmen des Verhaltens von Menschen. Anstelle der Untersuchung großer dauerhafter Strukturen, wählte er einen kleineren Bezugsrahmen, nämlich die Analyse dessen, was in einer ganz bestimmten realen Situation eigentlich genau vor sich geht. Auf dieser Grundlage definiert sich das Handeln eines Menschen bei Goffman nicht aus dessen Kultur, Geschichte und Gesellschaftsstruktur, wie beispielsweise in den Thesen Austins, sondern durch sein Handeln („doing is being“).


2.) „Felicity’s Condition“* (Seite 167 – 192)

Bezug nehmend auf die „Glücksbedingungen“ der Sprachakttheorie beschäftigt sich Goffman mit den in Äußerungen enthaltenen Implikationen, die zum Verstehen der Aussage notwendig sind. Im Unterschied zu Austin sind für Goffman diese Bedingungen keine kognitiven Konstrukte. Ein zentrales Motiv bei Goffman stellt die Rahmen-Analyse dar.


Ein Individuum in der westlichen Gesellschaft beurteilt Ergebnisse nach bestimmten Rahmen.“

Menschen sind von Rahmen geprägt, welche Handlungen erst Sinn geben. Der Rahmen hilft bei der Definition einer Situation oder kann als Interpretationsgrundlage dienen. Ausgehend von einem primären Rahmen unterscheidet Goffman zwischen dem „natürlichen Rahmen“ (z.B. Wetter) und dem „sozialen Rahmen“ (z.B. Regeln, Kontrolle). Goffman nimmt an, dass es ohne diese Rahmen große Schwierigkeiten geben würde Situationen zu deuten und zu analysieren, was besonderst bei der Interaktion zweier Individuen unterschiedlicher Kulturkreise und somit unterschiedlicher Rahmenverständnisse der Fall ist.


Aeußerungen werden im wesentlichen durch soziologische Rahmenbedingungen beschränkt.

Dieser Punkt greift auf, dass wir in kommunikativen Vorgängen angehäuftes Hintergrundwissen, die gemeinsame Umgebung und das unterstellte Wissen als Grundlage verwenden. Goffman nennt diese in der Interaktion selbst als selbstverständlich „gemachten“ Hintergrundannahmen „presuppositions“, also sozusagen die Vorraussetzung für eine Annahme.


Alles was in einem vorherigen Dialog erwähnt wird, kann in späteren Äußerungen als Annahme oder Grundlage verwendet werden.“

Ein Individuum in der westlichen Gesellschaft beurteilt bestimmte Vorkommnisse nach einem bestimmten Schema der Interpretation. Dadurch, dass wir jedes Vorkommnis sofort bewerten, stecken wir es in einen „sozialen Rahmen“, welcher stets sozialen Maßstäben unterworfen ist.


Die wortwörtliche Aeußerung wird durch die Modulation systematisch transformiert und interpretiert.“

Eine Aeußerung, die schon in dem bloßen „sozialen Rahmen“ Sinn ergeben hat, wird in etwas umgewandelt, was von involvierten Zuhörern als etwas bedeutend anderes wahrgenommen wird (z.B. Sarkasmus oder Ironie), diesen Vorgang nennt Goffman Modulation (engl. „Keying“).


Während Inhalte meistens über verbale Symbole kommuniziert werden, bedürfen nonverbale Signale oftmals einer Interpretation und hängen von der gegenseitigen Wahrnehmung ab.

Der Ausdruckscharakter des Verhaltens nimmt bei Goffman eine exponierte Rolle ein. Das Verhalten ist zwar inhaltlich bestimmt durch den Anlass der Interaktion, zusätzlich sendet der Gegenüber durch Geste, Laute, Haltung und Mimik Symbole aus, die mit dem Inhalt in Zusammenhang stehen können, aber auch Signale von ganz anderen Dingen sein können. Zwischen der nonverbalen Interaktion und der verbalen Kommunikation kann es also auch zu Diskrepanzen kommen.


Nonverbale Signale können bewusst und unbewusst eingesetzt werden, die wir dann bei den Individuen wahrnehmen, deuten und wiederum bewusst einsetzen.

Nonverbale Signale und verbale Symbole müssen stets als eine Einheit angesehen werden, jedoch legt Goffman besonderen Wert auf die letzteren. Diese Signale verselbständigen sich oftmals auch während eines Dialoges und werden zu einer eigenen Interaktionsform.


Ausdrucksverhalten kann die „wahren“ oder „eigentlichen“ Intentionen des Individuums verraten.“

Nonverbale Signale können dem Gegenüber von uns ungewollt Aufschluss über uns und unsere „Täuschung“ geben, also über das, was wir nicht offenbaren wollen. Es wird versucht, bewusst falsche Vorstellungen über eine Situation zu erzeugen. Unterschieden wird zwischen wohlwollenden (z.B. Ironie) und schädigenden (z.B. Betrug) Täuschungsmanövern. Es kann jedoch auch bewusst eingesetzt werde n um anderen etwas vorzumachen (in „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austin: Taschentuch fallen lassen).


Ausdruckverhalten kann jedoch auch zur Selbstdarstellung und Manipulation eingesetzt werden.“

Anhand des Ausdruckverhaltens erzeugt jedes Individuum bewusst Eindrücke von sich selbst bei anderen. Diese These schließt an eine der wohl bekanntesten frühen Ansichten Goffman’s an, nämlich der des „impression managements“ („Wir alle spielen Theater“). Er ist der Meinung, dass unser gesamtes menschliches Verhalten ein Schauspiel ist. Die Selbstdarstellung ist eine Art Ritual, in dem der Einzelne die anerkannten Werte (den „soziale Rahmen“) der Gesellschaft verkörpert, damit wiederum bestätigt und manifestiert.


Man unterscheidet zwischen verschiedenen Regelstrukturen der Interaktionsordnung: Normen, Konventionen, Umgangsformen und Rituale.“

Es ist festzustellen, dass man sich stets an die gegebenen Regelstrukturen hält, um die sozialen Maßstäbe nicht zu verletzen. Diese sind situationsabhängig, so dass beispielsweise die Regeln bei einer zufälligen Interaktion auf einem öffentlichen Platz (dort fragt man höchstens nach „free goods“ oder benutzt Symbole, die man in jeder Situation anwenden kann, z.B. eine Entschuldigung) sich von den Regelstrukturen einer fokussierten Interaktion mit einer gut bekannten Person abheben. In letzterem Fall werden auch kryptische Symbole verwendet, da aufgrund der Beziehung zueinander sichergestellt ist, dass diese auch verstanden werden.


Sobald ein Wort gesprochen wird, nehmen alle, die sich in Wahrnehmungsreichweite befinden, automatisch eine Position dazu ein.“

Um die Interaktionsstruktur der Anwesenden Individuen zu ergründen werden verschiedenen Faktoren berücksichtigt. Mit der Beteiligungsstruktur wird beispielsweise der Teilnehmerstatus während einer Interaktion beschrieben. Analysiert wird diese Struktur anhand einiger Merkmale, wie beispielsweise der Form der Aeußerung oder der Haltung der Sprechenden zu dem Gesagten.


3.) „Response Cries“* (Seite 192 – 196)

Bei einem besonderen Vorfall, versucht das darin involvierte Individuum durch einen „response crie“ die Aufmerksamkeit von Zwischenfall abzulenken und mit diesem Ausruf jegliche Verantwortung, aufgrund mangelnder Kontrolle oder anderer persönlicher Störungen, von sich zu weisen.“

Es wird hier unterscheiden zwischen: - „transition display“ wie „Brr!“ oder „Aah!“, welche stets durch äußerliche Einflüsse hervorgerufen werden (z.B. Wind, Kälte). - -„spill cry“ wie „Ups!“, welche wir von uns geben, wenn wir für einen Moment die Kontrolle über etwas verloren haben. - „threat startle“ wie „Jipee!“ oder “Igitt!“, welche Ausdrücke von Überraschung oder Bedrohung sind, die jedoch nicht sehr bedrohlich sind. - „revulsion sounds“ wie „Bäah!“ - wir benutzen diese Laute, wenn wir von etwas angewidert sind, jedoch diesen Zustand nur verbal ausdrücken können.


4.) Fazit

Trotz der sehr bildhaften Ausführungen von Erving Goffman stellen sich tun sich mir einige Fragen auf: - Zum einen frage ich mich, wie die von mir angesprochenen bewussten Täuschungen, um anderen etwas vorzumachen, genau ablaufen und ob es dort auch unter Umständen geschlechterspezifische, sowie historische Unterschiede gibt. - Desweiteren wage ich zu bezweifeln, dass die unter einem anderen Punkt erwähnte Manipulation des Eindruckes stets bewusst eingesetzt wird. - Und es würde mich interessieren, ob man, im heutigen Internet Zeitalter,nonverbale Kommunikation durch Smileys etc. ersetzt kann?

Abschließend ist mir aufgefallen, dass der Text sowohl von seinen Ansätzen als auch von seinen Beispielen auf die heutige Zeit sehr gut anwendbar sind und Goffman viele Thesen zur verbalen und nonverbalen Interaktion ähnlich denen von Watzlawick verwendet.