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Gruppe A: Karolin Augart, Annika Dausch, Johannes Leicher

Thesenpapier zu Pierre Bourdieu: „Was heißt sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches“ (S. 37 – 72)

Im ersten Kapitel seines 1982 erstmals erschienenen Buches „Was heißt sprechen?“ beschreibt Pierre Bourdieu ausgehend von einer Kritik an der klassischen Sprachwissenschaft, wie sie beispielsweise von Saussure vertreten wird, den Zusammenhang zwischen Sprache und sozialem Kontext als Ausgangspunkt für die Kommunikation. Dabei geht er unter anderem auf die offizielle Sprache ein, die als Norm versucht, eine gemeinsame Sprachbasis zu schaffen.

I. Schlüsselbegriff Habitus

Der Habitus ergibt sich aus sozialen Strukturen und umfasst Denk-, Wahrnehmungs-, Verhaltens- und Beurteilungsschemata eines Individuums. Grob kann man den Habitus als Geschmack bezeichnen.

II. Sprache

1. Sprache muss im ethnologischen Kontext betrachtet werden (S. 38). Bourdieu kritisiert zu Beginn seines Buches die einseitige Ausrichtung der Sprachwissenschaft, die sich bis dahin nur mit der Sprache selbst, losgelöst von jedem sozialen Zusammenhang, beschäftigte. Seiner Meinung nach lässt sich Sprache nur in Verbindung mit dem Habitus erklären. Sprache ist an sich nur sinnvoll, wenn sie eine Mitteilung beinhaltet, die jedoch erst von einem Rezipienten dechiffriert werden muss. Dieser Vorgang gelingt nur, wenn ähnliche Erfahrungen bei Kommunikator und Rezipient vorliegen, die Verständigung ermöglichen. Die sozialen Umstände beeinflussen folglich die Sprache so grundlegend, dass Sprache und Habitus untrennbar verbunden sind.

2. Sprache hat zwei Bestandteile: Erstens die vom Habitus geprägte Sprachfähigkeit und zweitens die Struktur des sprachlichen Marktes (S. 41 f). Um die Sprache zu erklären, bedient sich Bourdieu einer ökonomischen Betrachtung. Dabei spielt der sprachliche Markt eine besondere Rolle, auf dem sich Kommunikatoren und Rezipienten der Sprache wie Anbieter und Nachfrager verhalten. Durch Kommunikation formt die Sprache, die den Habitus widerspiegelt, die Strukturen des Marktes entscheidend.

3. Kommunikation an sich ist paradox, da sie ein einheitliches Medium (Sprache) voraussetzt, gleichzeitig jedoch individuell interpretiert wird (S. 43 ff). Wörter werden von jedem Menschen, abhängig von seinem sozialen Umfeld und seinen persönlichen Erfahrungen, unterschiedlich verstanden. Neutrale Wörter, die bei jedem Menschen einheitliches Verständnis hervorrufen, gibt es somit nicht. Problematisch wird diese Gegebenheit im Bereich der Kommunikation zwischen sozialen Klassen. Dort können aufgrund der verschiedenen sozialen Hintergründe oft Missverständnisse entstehen. Im positiven Sinne schafft die stets vorhandene Mehrdeutigkeit von Wörtern auch das Phänomen der Wortspiele. Um auf staatlicher Ebene reibungslose Kommunikation zu garantieren, entstand eine neutralisierte Sprache, die versucht, sowohl Missverständnisse als auch Wortspiele zu vermeiden. Diese künstlich geschaffene Sprache wird in Grammatik- und Wörterbüchern manifestiert.

III. Offizielle Sprache

4. Die aus dem Schriftlichen abgeleitete offizielle Sprache fordert Integration (S. 49 ff). Um das politische Ziel eines einheitlichen Staates zu verwirklichen, bedarf es einer einheitlichen Sprache. Als Grundlage für diese offizielle Sprache diente die Schriftsprache, die sich in Politik und Verwaltung durchsetzte. Ihre Verwendung von herrschenden Politikern begründete den Status als legitime Sprache und erhob sie zur Nationalsprache. An dieser zur Norm erhobenen Sprache orientieren sich alle an der Kommunikation Beteiligten. Somit kann, wer die legitime Sprache beherrscht, einen Herrschaftsanspruch über Andere geltend machen.

5. Sprache ist die Grundlage für symbolische Herrschaft (S. 55 ff). Symbolische Herrschaft beruht auf einer unbewussten Akzeptanz der Beherrschten, die ihre Legitimität anerkennen. Durch symbolische Herrschaft lässt sich Kultur im Sinne von Wertvorstellungen vermitteln. Die Sprache ist das Instrument der symbolischen Herrschaft. Dieses Phänomen lässt sich auf dem sprachlichen Markt beobachten, auf dem unterschiedliche Sprachkompetenzen als Ausdruck ihrer jeweiligen sozialen Herkunft aufeinander treffen. Dadurch wird eine hierarchische Struktur deutlich, innerhalb derer Herrschaft ausgeübt wird. Zum Erwerb von Sprachkompetenz und der daraus resultierenden Macht ist Bildung erforderlich.

6. Das Bildungssystem ist das bedeutendste Instrument zur Durchsetzung der offiziellen Sprache (S. 53 ff). Das durch Lehrer repräsentierte Bildungssystem baut ein gemeinsames Bewusstsein auf der Basis einer gemeinsamen Sprache auf. Durch Sanktionen haben Lehrer die Möglichkeit, Dialekte und Mundarten zu unterdrücken und setzen somit effektiv die offizielle Sprache durch. Das Machtpotential des Bildungssystems liegt in dieser Implementierung der offiziellen Sprache. Zusätzlich zum Bildungssystem haben verschiedene Institutionen Einfluss auf die Durchsetzung der legitimen Sprache, zu sehen am Beispiel der Rechtschreibreform oder auch der „Grammatologen“.

IV. Distinktion

7. Der Erwerb von Sprachkompetenz ermöglicht und begrenzt den sozialen Aufstieg aus der ursprünglichen sozialen Schicht heraus (S. 55 ff). Durch das Erlernen der offiziellen Sprache auf dem Bildungsweg ergibt sich die Chance, in eine höhere soziale Schicht aufzusteigen. Die Wahrscheinlichkeit in den Habitus einer höheren sozialen Klasse zu gelangen ist abhängig von der Dauer der Ausbildung. Der Zeitkonsum, den eine Ausbildung beansprucht, ist wiederum ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Daher ist die Möglichkeit in die höhere soziale Schicht zu wechseln begrenzt. Laut Bourdieu fällt es Frauen dabei allgemein leichter sich die legitime Sprache anzueignen, da sie sich besser an Erfordernisse von dynamischen Märkten anpassen können.

8. Die perfekte Sprachbeherrschung zeichnet sich aus durch Distinktion und Korrektheit (S. 66 ff). Distinktion ist das Streben der höheren Klassen nach Abgrenzung gegenüber den unteren Klassen unter anderem über Sprache. Da Wörter durch inflationären Gebrauch an Präzision verlieren, müssen von den höheren Klassen Neologismen geschaffen werden, die versuchen, die Präzision der Sprache zu sichern und somit die Grenzen zwischen den sozialen Schichten zu erhalten. Die geschaffenen Wörter sind umso wertvoller, je weiter sie von den gewöhnlichen entfernt sind. Zu einer perfekten Sprachbeherrschung gehört jedoch neben dem kreativen Element der Distinktion auch die Korrektheit der Sprache und Orientierung an festgesetzten Regeln der Grammatik. Dieser korrekte Sprachgebrauch wird allein durch Bildung vermittelt, wohingegen die Fähigkeit zur Distinktion durch das soziale Umfeld geprägt wird.

9. Die Dynamik in der Sprache verleiht ihrer Existenz Berechtigung (S. 71 f) Verschiedene Einflüsse führen zu einer ständigen Veränderung der Sprache. Diese Dynamik lässt sich nicht an einem bestimmten Zentrum fixieren, sondern sie geschieht kontinuierlich. Ohne diese Reflektion des gesellschaftlichen Wandels in der Sprache, würde sie ihre Lebendigkeit verlieren und aufhören zu existieren.

V. Fazit Die Hauptaussage des vorliegenden Textes von Bourdieu ist, dass Sprachsoziologie sich mit dem Verhältnis zwischen Systemen soziologisch relevanter sprachlicher Differenzen und Systemen sozialer Unterschiede beschäftigen muss. Seine Betrachtung der Sprache beschränkt sich nicht nur auf den sozialen Kontext, sondern bezieht auch die historischen Entwicklungen mit ein. Bourdieu gelingt es, über die Sprache eine Brücke zwischen gesellschaftlichem Status und Herrschaft zu schlagen.

VI. Kritik Bourdieus Sichtweise beschränkt sich rein auf die soziologische Perspektive. Diese versucht er zu stark auf andere Wissenschaften, in diesem Fall die Sprachwissen, anzuwenden. Er beschränkt in diesem Buch seine Betrachtungen auf Frankreich. Unserer Meinung nach kann diese Theorie keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, denn es ist fraglich in wie weit man sie auf andere Länder ausweiten kann. Speziell in der heutigen Welt, die von Globalisierung geprägt ist. Die strenge Abgrenzung der sozialen Schichten voneinander und seine geschlechtsspezifische Betrachtung ist nicht mehr aktuell.