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Thesenpapier  Pierre Bourdieu: „Was heißt sprechen? Zur Ökonomie des sprachlichen Tausches“ Karolina Kuta, Elena Riedel


Überblick

Bei seiner Reflexion der Frage „Was heißt sprechen?“ wendet sich der Autor Pierre Bourdieu grundlegend gegen vorhergehende Theorien von Vertretern der strukturalistischen Sprachwissenschaft, insbesondere gegen die Theorie Ferdinand de Saussures, welcher die Möglichkeit einer Beziehung zwischen Sprache und gesellschaftlichen Hintergründen (Ethnologie) für seine Sprachwissenschaft ausschließt. Bourdieu hingegen betont besonders die Bedeutung ebendieses Zusammenhanges und er entwickelt so die Theorie eines ‚sprachlichen Marktes‘, auf welchem die, jeweils von individuellen gesellschaftlichen Hintergründen geprägten Akteure ein gemeinsames sprachliches Interaktionssystem bilden. In diesem Interaktionssystem bildet sich eine persönliche Wertigkeit jedes Sprechers heraus, die von der sozialen Herkunft und des dazugehörigen Bildungsniveaus abhängt. Dadurch entwickelt er die weitere These, dass die Sprache (neben der Funktion des reinen sprachlichen Austausches) gerade wegen der engen Verstrickung mit den sozialen Umständen ihrer Sprecher zu der Konsolidierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse beiträgt.


Einleitung (S. 37-39)

Bourdieu erläutert kurz die sprachwissenschaftlichen Ansätze Saussures und Chomskys, wobei er deren „Ausschließung jeder sozialen Variation“ aus der Sprache (Saussure) und die Reduktion der Sprache auf die „formalen Eigenschaften der Grammatik“ (Chomsky) als unzulänglich beschreibt. Er sieht die Notwendigkeit einer Theorie, welche den Aspekt der Ethnologie in die sprachwissenschaftliche Analyse miteinbezieht und Sprache nicht als rein formales Instrument interpretiert.


I. Die Ökonomie des sprachlichen Tauschs (S. 41-46)

Bourdieu wendet sich gegen Saussures Ansatz, welcher jegliches Handeln auf einen Kommunikationsakt reduziert, der auf der wechselseitigen Entschlüsselung von sprachlichen Codes beruht und die Sprache mehr als ein Objekt intellektueller Erkenntnis deutet. Bourdieu hingegen sieht Sprache als ein Instrument des Handelns und der Macht und setzt die gesellschaftlichen Kommunikationsbeziehungen in enge Verbindung zu Sozial- und Machtbeziehungen. Er bemüht sich um eine Aufhebung der Trennung von Ökonomismus und Kulturalismus und um die Entwicklung einer „Ökonomie des symbolischen Tauschs“.

• So wird nach Bourdieu jeder Sprechakt von folgenden Umständen begleitet:

1. dem gesellschaftlich bestimmten sprachlichen Habitus, dem ‚Ausdrucksstreben‘,

2. einer gewissen Sprachfähigkeit (d.h. formalen bzw. grammatikalischen Sicherheit sowie sozialen Fähigkeit zur korrekten Anwendung dieser

       sprachlichen Kompetenz),

3. der Strukturen des sprachlichen Marktes als System von Sanktionen und Zensurvorgängen.


• Die Bedeutung bzw. der Sinn von Rede (d.h. Sprache) wird durch die Beziehung des sprachlichen Produkts eines Sprechers zu den zeitgleich im

       sozialen Raum angebotenen sprachlichen Produkten definiert. Bourdieu bezeichnet diese Beziehung, welche von allen Sprechern bewusst oder 
       unbewusst hergestellt wird, als Distinktionswert.

• Das jeweilige Sprachprodukt wird erst dann zur Mitteilung, wenn es vom Empfänger entschlüsselt („dechiffriert“) wird. Dabei können die

       Interpretationsschemata des Empfängers und Senders variieren, indem andere Konnotationen hervorgerufen werden, als im Sprechakt des Senders 
       vorgesehen waren.

• Diese Interdependenz von Sender, Empfänger und dem sie umgebenden Raum ist der sprachliche Markt, welcher so am Zustandekommen des

       symbolischen Werts und des Sinns eines Diskurses beteiligt ist.

• Ein bestimmter Stil (=individuelle Abweichung von der sprachlichen Norm) kann erst durch die Abgrenzung zum Sprachverhalten anderer Akteure

       auf dem Markt wahrgenommen werden. 

• Jedes Wort (z.B. die im Wörterbuch festgelegte Verwendung) erlangt erst durch seine aktive Verwendung seine wirkliche Existenz und muss also

       immer in Bezug zu seiner Sprechsituation betrachtet werden. 

• Die Kommunikation über die Grenzen unterschiedlicher sozialer Klassen hinaus erweist sich auf Grund der differierenden Konnotationen als

       problematisch. Es gibt trotzdem ein ‚lebensnotwendiges‘ Minimum an Sprache, eine Art kleinster gemeinsamer Nenner.

• Sprache ist Quelle von Macht: Sie dient nicht nur der Bezeichnung von Vorhandenem, sie verleiht auch dem, was sie ausspricht, Existenz; sie

       schafft Nicht-Vorhandenes. 


Produktion und Reproduktion der legitimen Sprache (S. 47-48)

Bourdieu sieht, wie Auguste Comte und auch Saussure, die Sprache als ‚Schatz‘, einer Gemeinschaft: Jedes Mitglied der Gemeinschaft macht Gebrauch von diesem Schatz und trägt so zu seiner Erhaltung bei. Darüber hinaus beschreibt er den von Chomsky charakterisierten ‚idealen Sprecher‘, welcher sich in einer homogenen Sprachgemeinschaft befindet, seine Sprache ausgezeichnet und ohne Einschränkung (wie z.B. Konzentrationsdefiziten) beherrscht („homo linguisticus“  erinnert an den homo oeconomicus)


Offizielle Sprache und politische Einheit (S.48-50)

Durch die Konstituierung des Staates und die damit verbundene Etablierung von offiziellen Räumen (Bildungswesen, öffentliche Verwaltungen, politische Institutionen etc.) wird eine offizielle (Staats-) Sprache obligatorisch. Diese Norm wird durch die Etablierung von Bildungsinstitutionen und Pädagogen wie bspw. Grammatikern und Lehrern durchgesetzt. Die Festlegung einer einzig legitimen Sprache bewirkt die Verdrängung klassenabhängiger Jargons oder Dialekte.


Die Hochsprache: ein „normiertes“ Produkt (S.50-55)

Bourdieu beschreibt, dass die Objektivität und Allgemeingültigkeit der offiziellen Sprache erst durch Verschriftlichung und Kodifizierung erreicht wird. Bis zur Französischen Revolution werden die zahlreichen Dialekte allmählich von der aus Paris stammenden Sprache der Gebildeten verdrängt, da diese zur ‚gehobenen‘, Schriftsprache erklärt wird. Dies führt zu einer gesellschaftlichen Abwertung der ‚gewöhnlichen‘, nicht-vornehmen Sprache von Bauern und Arbeitern.

• Bilingualismus. Die Durchsetzung der offiziellen Sprache führt jedoch nicht zum vollkommenen Verschwinden der Dialekte, welche in den unteren

       Klassen beibehalten werden. So erhalten Angehörige des gebildeten Kleinbürgertums (Pfarrer, Ärzte, Lehrer) eine Vermittlerfunktion, da sie 
       neben dem beibehaltenen Dialekt auch die offizielle Schriftsprache beherrschen.

• Wörterbuch. Die durch die Konstituierung des Staates notwendig gewordene Hochsprache als allgemeines Verständigungsmedium wird im Wörterbuch

       schriftlich protokolliert, wobei alle möglichen Verwendungen eines Wortes mit dem jeweiligen Zusatz z.B. vulg., ungebr. etc. aufgeführt 
       werden, mit dem Zweck, deren Abweichung von der offiziellen Norm zu verdeutlichen. Durch die Aufnahme der Synonyme in das Wörterbuch wird  
       dieses als Sammlung aller möglichen Sprachweisen zum universellen Code.

• Bildungssystem. Dieses spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung, Legitimierung und Durchsetzung der offiziellen Sprache, indem es den

       Kindern von klein auf die ‚richtige‘ Sprache beibringt. Außerdem steuert es durch die Verleihung von akademischen Titeln den Zugang zu 
       gesellschaftlich angesehenen Positionen und vermeidet somit die Verbreitung eines Dialektes, was zu einer Normabweichung führen würde. So 
       verleiht diese Selektionsfunktion dem Bildungssystem große Macht – ‚Gesetzeskraft‘.


Vereinheitlichung des Marktes und symbolische Herrschaft (S. 55-58)

Neben dem politischen Einigungsdrang trägt auch die Vereinheitlichung der Wirtschaft zu einer einfacheren überregionalen sprachliche Verständigung und somit zur Etablierung der offiziellen Sprache bei. Die Herrschaft der Hochsprache setzt auch ein gewisses Einverständnis der Beherrschten voraus. Durch die Aneignung der offiziellen Sprache erhoffen sich die Sprecher eine ‚persönliche Wertsteigerung‘ und somit die Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs. • Herrschaft. Das Wesen der symbolischen Herrschaft besteht besonders in der Einschüchterung des Angehörigen eines Habitus durch einen Vertreter

       eines (als dominant angesehenen) anderen Habitus. Diese Einschüchterung kann nur auf diejenigen wirken, die vom Habitus her für diese 
       empfänglich sind. 

• Suggestivkraft. Hier kommt auch der Aspekt der nonverbalen Kommunikation ins Spiel. Bourdieu beschreibt die Begleitumstände eines Sprachaktes

       als einen ‚verborgenen Code‘, z.B. die Art und Weise, wie jemand bei der Aussprache eines Satzes blickt, die Art und Weise, wie er es sagt usw.


Diese Suggestivkraft ist Grundlage jeder symbolischen, einflussreichen Macht mit Wirkung auf (die für diese empfänglichen) Habitus-Angehörigen. Dabei kann schon die bloße Präsenz des übergeordneten Sprechers ein Schamgefühl auslösen, welches die intrinsische Motivation für den Untergeordneten steigert, das höhere Sprachniveau anzustreben.


Distinktive Unterschiede und gesellschaftlicher Wert (S. 58-63)

Bourdieu beobachtet also ein Korrespondenz zwischen sprachlichen und sozialen Unterschieden. Die verschiedenen Sprachstile bilden eine Hierarchie, in welche sich die Sprecher abhängig von dem Grad ihres individuellen Sprachstils einordnen – diese sprachliche Hierarchieordnung ist laut Bourdieu ein Abbild der sozialen Gruppenhierarchie. Aus diesem Grund fordert Bourdieu eine strukturale ‚Sprachsoziologie‘, welche das Verhältnis zwischen sprachlichen Differenzen und sozialen Unterschieden untersucht.

• Zudem unterscheidet Bourdieu zwischen Sprachfähigkeit (natürlich, universell) und Sprachkompetenz (milieuabhängig, zu erlernen), wobei

       letztere als sprachliches Kapital auf dem sprachlichen Markt fungiert, da sie den Sprecher mit zusätzlichem ‚Mehrwert‘ ausstattet. Die 
       unterschiedlichen Ausprägungsgrade (viel oder wenig ‚Kapital‘) kommen durch die Tatsache zustande, dass die Zugangschancen zu dem 
       Kompetenzerwerb  je nach Milieu unterschiedlich sind. 

• Darüber hinaus haben sprachliche Eigenarten unter anderem einen großen Einfluss auf den beruflichen Erfolg, da z.B. Eloquenz einen Eindruck

       von Selbstsicherheit und Vertrauenswürdigkeit vermitteln kann. 


Das literarische Feld und der Kampf um die Sprachautorität (S. 63-68)

Sprachliche Machtverhältnisse sind also in der ungleichen Verteilung der Sprachkompetenz begründet, welche wiederum auf den unterschiedlichen Existenzbedingungen beruht. Die Sprachproduktion erfordert 1. das Kapital zur Produktion einer legitimen, normalen Sprechweise und 2. das Kapital an sprachlichen Mitteln zur Produktion eines schriftlichen Produkts. Neben der Verschriftlichung wird das Produkt erst mit der Autorisierung durch Kontrollinstanzen (hier: Grammatiker, Pädagogen) würdig, veröffentlicht zu werden. Dadurch erhalten diese Kontrollinstanzen das ‚Monopol‘, zu bestimmen, welche Literatur auf dem Bildungsmarkt erscheint und üben damit letztendlich großen Einfluss auf das sprachliche Kapital der Rezipienten aus. Folge ist die Eingrenzung des sprachlichen ‚Universums‘ durch Zensur und Selektion.

• Perfekte Sprachbeherrschung. Die nötigen Eigenschaften hierfür sind nach Bourdieu Distinktion (=Abgrenzung von der Umgangssprache) und

       Korrektheit (=formale, grammatikalische Richtigkeit).

• Künstlichkeit. Durch die ständige (Re-)Produktion, Kontrolle und Überarbeitung durch Bildungsinstanzen ist die offizielle Sprache künstlich.

       Konstant bleibt sie durch die regelmäßige, schon in jungen Jahren geforderte ‚Einpaukarbeit‘.  


Die Dynamik des sprachlichen Feldes (S.69-72)

Sprachliche Kompetenz als Kapital ist ein Teilgebiet des kulturellen Kapitals. Beides hängt laut Bourdieu vom Bildungsniveau ab, welches durch den familiären Hintergrund beeinflusst und an (akademischen) Titeln und dem Lebenslauf gemessen wird. Seine Schlussfolgerung ist demnach, dass Sprach- und Kultursoziologie sowie Bildungssoziologie interdependent sind.

• Kenntnis und Anerkenntnis. Häufig besteht zwischen diesen beiden (für Fortbestand und Wandel der Sprache wichtigen) Faktoren eine Diskrepanz – so zum Beispiel im Fall von Migranten, die zwar die offizielle Sprache anerkennen, aber oft nicht korrekt verwenden können. In anderen Fällen

       zeigt sich diese Diskrepanz dadurch, dass krampfhaft versucht wird, sie zu reduzieren, z.B. im Kleinbürgertum, dessen Mitglieder danach 
       streben, sich der Sprache der bürgerlich Intellektuellen anzunähern und dabei häufig durch ‚Überkorrektheit‘ über das Ziel hinaus schießen. 
       Dieses Assimilationsstreben sorgt wiederum bei der Oberschicht zu (unbewussten) Distinktionsstrategien – so reagieren die Intellektuellen auf 
       die Annäherung ‚von unten‘ beispielsweise mit betonter Lässigkeit, mit ‚kontrollierter Unterkorrektheit‘. Den Grund für diese Gegenreaktion 
       sieht Bourdieu weniger in einem bewussten Streben nach Distinktion, als eher in einem intuitiven Sinn für den Wert von sprachlicher 
       Seltenheit, also dem Wert der Abgrenzung von anderen Sprachgebräuchen. Dieses Beispiel verdeutlicht die starke Auswirkung der Sprache auf die 
       Gesellschaft und somit die Notwendigkeit Bourdieus, eine „Sprachsoziologie“ zu schaffen.


Fazit

Wichtigstes Element in Bourdieus Theorie ist die These der Interdependenz von Sprachwissenschaft, Bildungs- und Sozialwissenschaft. Mit der Konstituierung des Staates wird eine einheitliche Sprache notwendig, welcher die regionsabhängigen Dialekte weichen müssen. Der zunehmende Verlust der Mundarten beraubt die Sprache einer Nation ihrer Vielfalt, bildet jedoch auch die durch die moderne Gesellschaft notwendig gewordene sprachliche, allgemeine und verständliche Benutzeroberfläche. Alle Akteure sind Teil des ‚sprachlichen Marktes‘, auf welchem sie sich, in Konkurrenz zueinander, um die optimalste sprachliche Kompetenz bemühen, welche ihnen einen sozialen Aufstieg verspricht. Seine Verbindung von Ethnologie und Sprache wird an dieser Stelle erneut deutlich: Die Sprachstrategien sozialer Akteure bestimmen sich über ihr Sprachkapital. Dessen Grad wird von den Zugangschancen zum Bildungssystem beeinflusst und diese Zugangschancen variieren wiederum in Abhängigkeit vom jeweiligen sozialen Milieu.