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Thesenpapier zu Erving Goffman

“Interaktionsrituale” Über Verhalten in direkter Kommunikation

Seminar: Interpersonale Kommunikation Dozentin: Prof. Dr. Koch Department: CCM Datum: 03.02.2009 Verfasser: Svenja Hümer, Paul Geuting, Nikolina-Romana Milunovic


Erving Goffman entwickelt in seinem Werk „Techniken der Imagepflege – Eine Analyse ritueller1 Elemente in sozialer Interaktion“ eine Theorie der gesellschaftlichen Ordnung. Mit seiner Arbeit „Interaktionsrituale – Über Verhalten in direkter Kommunikation“, versucht er eine Erklärung darüber zu geben, was der Begriff „Image“ bedeutet und welch fundamentale Rolle er im Leben eines jeden Menschen einnimmt. Durch Interaktion mit Mitmenschen kommt jeder zu einem Image, welches die Bedingung für erfolgreiche mittelbare und unmittelbare Kommunikation darstellt. Über Image definiert sich der Mensch gewissermaßen selbst, was bedeutet, dass er stets versucht, sein Image zu wahren und dadurch nur einen sehr begrenzten Handlungs- und Interaktionsspielraum hat. Als Grundprämisse setzt Goffman voraus, dass Individuen, unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund, dieselbe menschliche Natur haben. Jede Gesellschaft bringt ihre Mitglieder dazu, durch zahlreiche Regeln und Rituale selbstregulierend an sozialen Begegnungen teilzunehmen. Diese rituelle Ordnung ist durch Anpassungsstrategien organisiert. Seine Thesen formuliert er eingebettet in eine Vielzahl von Erklärungen, wobei die Übergänge von einer zur nächsten These fließend sind. Oftmals ist auch der Wechsel zwischen Beschreibungen und Thesen schwer abzugrenzen. Die Definitionen der Schlüsselwörter, wie zum Beispiel die des Images werden von Goffman nach und nach ergänzt und wie zu einem Mosaik vervollständigt. Das Werk ist eine geeignete Lektüre für all diejenigen, die sich für den theoretischen Hintergrund sowie die Imagetechniken alltäglicher Kommunikation interessieren.


I. Das Image ist ein sozialer Wert, der durch eine Verhaltensstrategie erworben wird und als authentisch gilt.' (Vgl. S.11)

Ein Image wird nicht als fester Bestandteil der Person verstanden, sondern entwickelt sich dynamisch infolge sozialer Begegnungen. Man muss sich gemäß seines individuellen Images verhalten, um es so nachträglich zu legitimieren, damit es beständig sein kann. Obwohl nur wenige Verhaltenseigenschaften bekannt sind, werden weitere vorausgesetzt. Sobald jemand ein Image etabliert hat, reagieren er sowie auch seine Interaktionspartner mit einem Wohlgefühl. Er selbst fühlt sich akzeptiert, vertraut und sicher und macht sich somit durch die Offenbarung seiner Strategie für seinen Gegenüber berechenbar, sodass dieser den Grad der Bedrohung für sein eigenes Image abschätzen kann. Es selbst wertet sein Verhalten dann als moralisch. Ein Image wird folglich als Selbstbild verstanden, welches durch sozial anerkannte Eigenschaften geformt und entsprechend auf positive/negative emotionale Bewertung stößt. Zusammenfassend entsteht Image also durch eine strategische Handlung und der nachträglichen Legitimation. Werden diese Eigenschaften nicht bestätigt, so reagieren die Gesprächspartner enttäuscht. Dies kann letztendlich im Vorwurf des absichtlichen Täuschens münden. Aufgrund der Tatsache, dass Paul eigentlich weder arrogant, noch überheblich wirkt, hat der Kurs wahrscheinlich mit Missverständnis reagiert und ihm dieses Image nicht abgenommen.



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“Ein Ritual ist das Performen von etwas sozial Erwartetem.” (Koch, 2008)


II. Die zwanghafte Interaktionsteilnahme lässt sich mit der Fixierung an das eigene Image sowie der Angst vor imageschädigenden Informationen erklären.' (Vgl. S. 11)

Aufgrund der emotionalen Bindung an das eigene sowie an das fremde Image wird stets versucht, die gesellschaftliche rituelle Ordnung zu wahren und somit eine Bedrohung der Images zu vermeiden. Wenn Paul nicht anwesend ist, kann er sein Image nicht verteidigen und einer möglichen Schädigung nicht entgegenwirken.


III. Bei unpassender Strategie kann das Image als falsch oder nicht existent gedeutet werden.'''' (Vgl. S.13)

Wenn Informationen, die nicht zu dem bisherigen Image passen und das Individuum unglaubwürdig erscheinen lassen ans Licht kommen, spricht man von einem falschen Image. Da die Person ihr Image nicht legitimieren konnte, wird ihr nicht mehr geglaubt und sie muss ihre Strategie anpassen, um ein Image zu erzeugen, was sich in Zukunft glaubwürdig legitimieren lässt. Pauls arrogantes Selbstbild zu Beginn der Präsentation hat der Kurs als falsch aufgefasst, weshalb es für ihn ratsam war, zu seinem eigentlichen Image zurückzukehren. Agiert jemand ohne erkennbare Verhaltensstrategie, so ist kein Image vorhanden, was dazu führt, dass die Interaktionspartner das Gefahrenpotential der Person nicht einschätzen können. Das Individuum ohne, bzw. mit einem falschen Image reagiert mit Scham und Minderwertigkeitsgefühl. Liegt ein richtiges Image vor, so erleichtert sich der Umgang erheblich, da der Interaktionspartner auf das Image reagieren, seine Strategie anpassen kann. Auch das betroffene Individuum fühlt sich sicher und selbstbewusst. Um die Folgen eines nicht existenten oder falschen Images zu vermeiden, kann mit Gelassenheit2 reagiert werden, um mögliche negative emotionale Konsequenzen zu umgehen.


IV. In einem sozialen Regelsystem muss Einigkeit darüber bestehen, wie jemand handeln bzw. nicht handeln sollte, um sein Image zu wahren. (Vgl.S. 14)


Eine expressive, regulierende Ordnung muss eingehalten werden. Je nach Motivation der Aufrechterhaltung demonstriert man Stolz, Ehrgefühl oder Würde. Diese Reaktionen fallen in Bezug auf die gesellschaftliche Position unterschiedlich aus. „Anerkannte Eigenschaften und ihre Beziehung zum Image machen aus jedem Menschen seinen eigenen Gefängniswärter […] auch wenn jeder Mensch seine Zelle gern mag“ (S. 15)3 Dieses Zitat verdeutlicht die kollektiven Zwänge der Imageerhaltung. Die gegenseitige Anerkennung einer Verhaltensstrategie wirkt stabilisierend. Auch besteht durch eine grundlegende Identifikation mit der Person ein Interesse daran, das Image des anderen zu wahren. Wenn jemand Paul vor seiner Einführung in unser Referat noch nicht gekannt hätte, so wäre diese Person versucht gewesen, Pauls „arrogantes“ Image zu erhalten, weil sie somit wüsste, welche Verhaltensstrategie sie selbst zu verfolgen hat. Das Ziel dieser Ordnung ist eine allgemeine Akzeptanz der individuellen Verhaltensstrategien auf gesellschaftlicher Ebene. Als definitorische Ergänzung lässt sich also festhalten, dass Image auch als “Anleihe der Gesellschaft“ (S.15) verstanden und infolge unwürdigen Verhaltens entzogen werden kann.


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„Gelassenheit ist die Fähigkeit, in der Begegnung mit Anderen Beschämung zu unterdrücken und zu vermeiden.“ 

(Goffman, S.14)



V. Techniken der Imagepflege sind Handlungen, die alle Tätigkeiten in Übereinstimmung mit dem eigenen Image bringen sollen. (Vgl.S. 18)

Primär dienen diese Techniken der Vorbeugung von Zwischenfällen4, die ein Image bedrohen würden. Die Techniken können daher zu verinnerlichten, unbewussten Handlungen werden. In Bezug auf die Bedrohung des Images, differenziert man zwischen drei Ebenen der Verantwortlichkeit, dem Faux Pas (einer Dummheit), einer absichtlichen Boshaftigkeit sowie zufälligen Beleidigungen.

Der Vermeidungsprozess ist der Versuch Imagebedrohungen durch Umgehen entsprechender Kontakte zu erreichen. Ein entsprechendes Instrument wäre die „taktvolle Blindheit“, das gewollte Übersehen eines Zwischenfalls. Wird das eigene Image geschützt, so spricht man von Selbstachtung oder defensiver Orientierung, wohingegen unter Rücksichtnahme oder protektiven Orientierung die Aufrechterhaltung eines fremden Images zu verstehen ist.

Der korrektive Prozess beschreibt eine Ausgleichshandlung (Entschuldigungen, Besuche, Geschenke), die nach einem unvermeidbaren Zwischenfall einsetzt. Das Ziel hierbei ist die Wiederherstellung des rituellen Gleichgewichts. Die Wahrnehmung des Ereignisses als Zwischenfall kann nicht mehr vermieden werden und die Imagebedrohung ist offensichtlich. Der korrektive Prozess beginnt mit der Herausforderung, einem Hinweis auf das Fehlverhalten. Hierbei wird dem Verursacher das Angebot gemacht, die Folgen des durch ihn hervorgerufenen Vorfalls wieder gut zu machen und den Zustand der Ordnung wiederherzustellen. Dies kann zum einen durch die Darstellung des bedrohlichen Ereignisses als Scherz, nachvollziehbare Tätigkeit, fremdgesteuert oder durch ein Angebot der Entschädigung, welches häufig mit Selbstbestrafung einhergeht, geschehen. Die verletzte Partei kann nun das Angebot akzeptieren, falls dieses ein befriedigendes Mittel darstellt. Die belastete Person drückt abschließend ihre Dankbarkeit für die Vergebung des Zwischenfalls aus. Diese Phasen stellen den Optimalfall des korrektiven Prozesses dar. Von den einzelnen Schritten kann also abgewichen werden.



VI. Bei Nichtbeachtung der Techniken der Imagepflege kann eine Begegnung zu einem taktischen Konkurrenzkampf werden. (Vgl. S. 30 f.)


Durch subtile Andeutungen, welche die persönlichen Vorteile mit den Nachteilen des Gesprächspartners vergleichen, befindet sich der Interaktionsgegner in einer eher passiven Situation. Dem ursprünglichen Zweck entfremdete Ausgleichshandlungen versuchen, den Interaktionsgegner auf direktere Weise bloßzustellen und Schlagfertigkeit zu demonstrieren. Techniken der Imagepflege können in besagten Bereichen ebenfalls dazu verwendet werden, Konkurrenz auszuschalten oder bedrohliche Situationen frühzeitig zu erkennen5.Der Angreifer kann in diesem Spiel mehr verlieren als der Angegriffene.



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Vgl. Bourdieu und seine These bezüglich der Zwänge des Habitus 

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Ereignisse, deren effektive, symbolische Implikationen das Image bedrohen



VII. An die verwendeten Strategien der Imagepflege gibt es unterschiedliche Erwartungen.(Vgl. S. 33)

Nach einem Zwischenfall kann sich die erste Reaktion der Interagierenden in Verlegenheit äußern, da keiner sicher voraussagen kann, welche Strategie der Verursacher anwenden wird, um die Situation wieder zu bereinigen. Dabei gibt es bezüglich der angewandten Strategien möglicherweise kein Einvernehmen. Zum Beispiel kann der Verursacher mit Gelassenheit reagieren, wohingegen die Gesprächspartner Reue erwarten würden.



VIII. Im Grunde sind alle Interaktionsteilnehmer an einem Schutz aller Images interessiert. (Vgl. S. 35)

Wer eine Technik zur Abwendung einer möglichen Bedrohung eines Images anwendet, ist nebensächlich. Die Maxime des Handelns ist stets die allgemeine Zufriedenheit. Man spricht hierbei auch von Takt oder savoir faire. In diesem Sinne ist auch die andeutende Kommunikation zu verstehen, die stillschweigend eine Imagebedrohung signalisiert. Dabei kennen Sender und Empfänger den Inhalt der Nachricht, es bleibt ihnen jedoch vorbehalten, deren Verständnis zu leugnen. Ebenfalls liegt eine Kooperationsmöglichkeit in Form der „Nach-Ihnen-Alfons“-Technik vor. Kern dieser Technik ist die Hervorhebung der Qualitäten anderer Interagierender und die unverhältnismäßige Entwertung seiner Person. Der Anwender dieser Technik erhofft sich dadurch Lob und Nachsichtigkeit. Goffman geht allgemein vom Menschen als „rituell feinfühligem Objekt“ aus. Jemand, der die Imagewahrung nicht beherrscht wird somit als Unruhe-Pol betrachtet.


IX. Das Selbst einer Person besteht aus zwei zusammenhängenden, sich gegenseitig beeinflussenden Komponenten. (Vgl. S.38)

Die eine Seite stellt das aus einer Interaktion hervorgebrachte Image dar, also etwas, das uns von der Gesellschaft wird. Die andere Seite ist die des Spielers, der sich in Situationen in denen er bewertet wird, unterschiedlich verhält. Beispielhaft kann die Metapher des Kartenspiels herangezogen werden. Während der Spieler die Karten in seiner Hand zu einer konkreten Spielsituation nicht bestimmen kann (Image), hat er eben doch Einfluss auf die Art und Weise, wie er diese ausspielt (Reaktion auf Situation).


X. Der Gesprächszustand beinhaltet verbale und nonverbale Nebensächlichkeiten gelenkt.(Vgl. S. 41)

Mit Zeichen und Symbolen (Gestik, Betonung, etc.) wird die soziale Interaktion um wichtige Signale ergänzt und beeinflusst. Wie anfänglich beschrieben sollen Zwischenfälle vermieden und das Image sowie die rituelle Ordnung bestätigt werden. Das System sprachlicher Kommunikation enthält zahlreiche Nachteile. So kann die persönliche Fixierung am eigenen Image die sozialen Interaktionen behindern oder zumindest beeinflussen. Die gesellschaftliche Erwartung an das Image führt zu einem fremdbestimmten Zwangsverhalten.

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Vgl. Crozier, Friedberg “Die Zwänge kollektiven Handelns”


XI. Das Ziel der Imagepflegetechniken ist stets nicht eingeplante Ereignisse ohne Gefährdung der Images zu bewältigen.( Vgl. S. 48)


XII. Die Motivation menschlichen Handelns ist in der Verteidigung der Idee von sich selbst begründet.(Vgl. S.51)

Die rituelle gesellschaftliche Ordnung basiert auf Anpassungsstrategien, also Ideen und nicht Tatsachen. Somit wird die Argumentation des Schulkindmodells entkräftet, welche Identifikation über sichtbare Leistungen definiert.


XIII. Das Hauptprinzip der rituellen Ordnung ist nicht Gerechtigkeit, sondern das Image. Jedes Fehlverhalten wird nur im Rahmen der angewandten Strategie „bestraft“.(Vgl. S. 52)

Um das Image und die rituelle Ordnung zu wahren, wird von gesellschaftlicher Gerechtigkeit abgesehen. Der Umgang mit dem Verursacher eines Zwischenfalls ist somit nicht vom persönlichen Rechtsempfinden geprägt, sondern von der Motivation, die Images und somit die rituelle Ordnung zu schützen. Beispielsweise wird über kleinere Vergehen hinweggesehen, obwohl sie im Sinne des allgemeinen Rechtsempfindens bestraft werden müssten. Trotz unterschiedlicher kultureller Ausprägungen der Techniken der Imagepflege liegen diesen gemeinsame Elemente zugrunde, aus denen sie sich zusammensetzen.


XIV. Jeder Mensch muss unabhängig von seiner gesellschaftlichen Position die Grundstruktur des rituellen Systems verinnerlicht haben.6(Vgl. S. 53)


Anwendungsbereiche:

Neben dem offensichtlichen Bezug zum Fachbereich Communication & Cultural Management im Bereich der Kommunikationsberatung und den Public Relations, profitieren auch die anderen Studiengänge von Goffmans Thesen. Besonders der Bereich Marketing, wie auch die Tätigkeit von der Unternehmensberatungen (Optimierung von Arbeitsabläufen und Bewältigung von Personalproblemen) bauen in ihren Grundsätzen u.a. auf kommunikationswissenschaftlichen Erkenntnissen auf. Letztlich lassen sich besagte Vorteile ebenfalls auf das Department Public Management & Governance, besonders bezogen auf die Schnittstelle CCM und PMG (öffentliches Marketing, PR-Beratung für das Öffentliche, Imageberatung für Politiker etc.) übertragen. Somit tragen die Ergebnisse Goffmans sowohl zur theoretisch fundierten Alltagsbewältigung im Bereich Kultur, Politik und Wirtschaft als auch im täglichen Leben bei.





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Vgl. Burkart & Lang, 2007


Literaturverzeichnis:

- Bourdieu, P. (2005 [1990]). Was heisst Sprechen? Wien: Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung

- Burkart, R., Lang, A. (1995): Die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas – Eine kommentierte Textcollage. In: Burkart, Roland/ Hömberg, Walter (Hg.): Kommunikationstheorien. Ein Textbuch zur Einführung. Verlag Braumüller: Wien.

- Croizier, M. Friedberg, E. (1993).Die Zwänge kollektiven Handelns: Über Macht und Organisation. Frankfurt a. M: Verlag Anton Hain.

- Koch, G. (2008).Rituale, Beziehungszeichen und Rahmen: Interaktionsforschung I / Protokoll Gruppe A